Kundgebung

Kundgebung der am 28. und 29. April 1920 zu Utrecht versammelten altkatholischen Bischöfe

II. Im April des Jahres 1923 werden volle zwei Jahrhunderte vergangen sein, seitdem sich die alte Kirche von Utrecht zur Wahrung ihrer Würde und Rechte gezwungen sah, nach der bisherigen kanonischen Ordnung einen Erzbischof zu wählen und dann auch durch einen katholischen Bischof konsekrieren zu lassen, obwohl die päpstliche Kurie vorher jahrelang eine solche Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles verhindert hatte und auch jetzt nicht zulassen wollte. Wie vorausgesehen werden konnte, wurde dem Gewählten die Genehmigung versagt und über ihn und seine Kirche die Exkommunikation verhängt. Unter strenger Festhaltung an der katholischen Glaubenslehre und Kirchenordnung ist es der Utrechter Kirche mit Gottes Hülfe gelungen, trotz der langen Isolierung und fortwährenden Anfechtung ihr Dasein durch die Stürme der Zeiten hindurch zu erhalten. Als daher vor einem halben Jahrhundert die Dogmatisierung der absoluten Machtfülle und der lehramtlichen Unfehlbarkeit des römischen Papstes die sowohl über die Falschheit wie über die Tragweite dieser neuen Dogmen unterrichteten Katholiken im Gewissen verpflichtete, sich gegen die Neuordnung aufzulehnen und sich die fortgesetzte Teilnahme an den Segnungen der katholischen Gottesverehrung durch Organisierung unabhängiger Gemeinden zu ermöglichen, ist die holländische Kirche in der Lage gewesen, sich dieser Gemeinden anzunehmen und ihnen durch Übermittlung des katholischen Episkopates zur Bewahrung des katholischen Priestertums und des katholischen Kultus behülflich sein zu können. Da nun fünfzig Jahre vergangen sind, seitdem die Mehrheit der zum vatikanischen Konzil versammelten Bischöfe trotz allen Einwendungen, Vorstellungen und Warnungen die verhängnisvollen Dekrete erlassen hat, können wir nur mit demütigem Dank Gottes Gnade preisen, die die holländische Kirche in den hinter ihr liegenden zwei Jahrhunderten aus allen Gefahren errettet hat. Gleichzeitig fühlen wir uns gedrungen, neuerdings vor aller Welt zu bezeugen, dass wir auch fernerhin gesonnen sind, uns unter keinen Umständen vom katholischen Boden abdrängen zu lassen, sondern auch in Zukunft bestrebt sein werden, dem Beispiel der dahingegangen Generationen altkatholischer Glaubenszeugen folgend, die jesuitische Umgestaltung des Katholizismus nach Kräften abzuwehren. Dieser Gesinnung haben wir durch nachfolgende Resolution Ausdruck gegeben:

In Erwägung:

1. dass nach der alten katholischen Glaubensregel in der Kirche Jesu Christi als verbindliche Lehre nur Gültigkeit hat, was in der hl. Schrift geoffenbart und in der Kirche „immer, überall und von allen“ geglaubt worden ist;

2. dass die Beschlüsse der vierten Sitzung des vatikanischen Konzils mit der katholischen Glaubensregel in schärfstem Widerspruch stehen, was sich aus folgenden Tatsachen ergibt:

a. Eine beträchtliche Anzahl angesehener Väter des vatikanischen Konzils, welche an Zahl wie an Bildung bedeutende Teile der katholischen Christenheit vertraten, hat rechtzeitig gegen die in der vierten Sitzung des Konzils dogmatisierenden Lehren Einwendungen erhoben, durch welche die Unmöglichkeit, diese Lehren zu verbindlichen Dogmen zu machen, unwiderleglich dargetan worden ist;

b. durch die nachträgliche Unterwerfung dieser Konzilsväter unter die von der Mehrheit gefassten Beschlüsse wurden die von ihnen erhobenen Einwendungen nicht entkräftet;

c. seit dem 18. Juli 1870 ist in einer unübersehbaren Menge exegetischer, kirchenhistorischer und kirchenrechtlicher Schriften der Widerspruch, in welchem die Dekrete der vierten Sitzung des vatikanischen Konzils mit der Lehre der hl. Schrift und der kirchlichen Überlieferung stehen, unzählige Male nachgewiesen worden;

in Erwägung ferner,

3. dass diese Dekrete für gebildete Katholiken, die unter der päpstlichen Jurisdiktion verbleiben, ein die Gewissen verwirrendes schweres Ärgernis, für die von Rom unabhängigen christlichen Kirchen hingegen ein unübersteigliches Hindernis kirchlicher Verständigung und Einigung bilden,

4. dass nun in dem zu Pfingsten 1917 von Benedikt XV. feierlich promulgierten neuen Codex juris canonici die vom vatikanischen Konzil dem römischen Papste zuerkannte „ganze Fülle“ der auf alle Sachen des Glaubens, der Sitten, der Kirchendisziplin und Kirchenregierung sich beziehenden „ordentlichen und unmittelbaren“, „auf alle Kirchen, alle Hirten und Gläubigen“ sich erstreckenden und inappellabeln Jurisdiktionsgewalt in allen denkbaren Einzelheiten umschrieben und in die Form verbindlicher Gesetze gebracht worden ist und daher von nun an in allen Teilen tatsächlich auch zur Anwendung kommen kann;

5. dass mit dieser Neuordnung, welche mit der aus Gottes Vorhersehung und Weltregierung stammenden, in der ungeteilten christlichen Kirche niemals angefochtenen Eigenart und Selbständigkeit der christlichen Nationen im Widerspruch steht, die Kirche, soweit sie sich dem römischen Papste unterwirft, zu einer absoluten Monarchie gemacht und unter Ausserachtlassung der vom Herrn gegebenen Weisung: „Bei euch soll es nicht so sein“ (Mark. 10.43), nämlich wie in der Welt, in der die Fürsten und Grossen Gewalt und Zwang über ihre Untertanen ausüben, nun eben doch allen Katholiken die Pflicht auferlegt wird, einen über die ganze christliche Kirche mit absoluter Gewalt regierenden Herrscher anzuerkennen, der angeblich seine Gewalt unmittelbar von Gott habe und in der Ausübung dieser Gewalt keinem Irrtum unterworfen sei, sofern es sich um Glauben und Sitte handle:

erheben die unterzeichneten katholischen Bischöfe namens der von ihnen vertretenen katholischen Kirchen im fünfzigsten Jahre nach dem vatikanischen Konzil nochmals feierlichen Protest wider die in der vierten Sitzung dieser Versammlung proklamierten Beschlüsse und die mit diesen Beschlüssen versuchte endgültige Sanktionierung des wesentlich auf Fälschung des alten Kirchenrechts, mittelalterliche Machtanmassung und Anschauungen des modernen Jesuitenordens aufgebauten Papalsystems.

Gleichzeitig sprechen sie den Wunsch aus, es möchten die gebildeten Katholiken, die zwar die Unrichtigkeit und sogar die grosse Tragweite der vatikanischen Dekrete kennen und würdigen, aber gleichwohl unter der Jurisdiktion des römischen Papstes verbleiben, im Andenken an die noch vom hl. Augustin als selbstverständliche Regel: Wenn ein Konzil irre, so habe ein nachfolgendes Konzil den Irrtum zu verbessern (De babt. contra Donat. 1. II., n. 4) ernsthaft und unablässig die Forderung stellen, dass die am 20. Oktober 1870 nicht geschlossene, sondern nur vertagte Synode ihre Arbeit wieder aufnehme und die am 18. Juli 1870 Beschlüsse ausser Kraft erkläre.

(Abgedruckt in: IKZ 10, 1920, Seiten 89-96.)

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